Konsenskultur

Konsens als Kultur ist etwas anderes als Konsens als Methode. Damit Konsens als Entscheidungsfindungsmethode funktionieren kann, muss es eine Kultur des Wohlwollens drumherum geben.
Meistens sind wir an eine Kompromisskultur gewöhnt, in der unterschiedliche Wünsche als Gegensätze und Konkurrenz zueinander gesehen werden. Dabei gilt: je mehr ich nachgebe, desto weniger von meinem Wunsch wird erfüllt. Gleichzeitig gibt es einen starken sozialen Imperativ, zugunsten anderer Abstriche zu machen. Es gibt ein Tauziehen mit den anderen Beteiligten darum, wer wie viel der eigenen Wünsche erfüllt bekommen kann und gleichzeitig ein inneres Tauziehen: möchte ich lieber sozial sein oder meine Wünsche/ Bedürfnisse erfüllen? In der Kompromisskultur sind wir immer in Konkurrenz und die Lösung wird innerhalb der Begrenzung der verschiedenen Wünsche als Kompromiss gesucht, in dem alle Abstriche machen müssen.

Konsenskultur bedeutet, die unterschiedlichen Wünsche als Ausgangspunkt zu nehmen, von dem aus alle Beteiligten gemeinsam nach Lösungen suchen, die groß genug sind, dass alle Bedürfnisse bestmöglich erfüllt sein können. Statt Konkurrenz entsteht ein partnerschaftliches Miteinander. Darin ist es hilfreich, Bedürfnisse zu erklären und transparent zu machen, damit alle mithelfen können, sie in der potentiellen Lösung zu berücksichtigen. Auch wenn es dabei möglicherweise nicht immer möglich ist, alle Bedürfnisse komplett zu berücksichtigen führen schon der aufrichtige Versuch und das darin enthaltene Wohlwollen zu einem komplett anderen Miteinander, in dem Vertrauen, Transparenz und Entspannung entsteht. Letztendlich werden so Entscheidungsfindungsprozesse selbst effektiver und befriedigender.

Die Vorstellung, jemanden davon zu überzeugen, über die eigenen Grenzen zu gehen oder Abstriche zugunsten anderer zu machen macht in dieser Vorstellung keinen Sinn, denn allen Beteiligten ist klar, dass das letztendlich das Miteinander in der Gruppe durch Neid, Konkurrenz und Missgunst vergiftet oder Menschen sich in Beziehungen emotional zurückziehen um sich zu schützen. Es wird erfahrbar, dass ich selbst etwas davon habe, wenn es den Menschen um mich herum gut geht und sie mir vertrauen. Konsenskultur ist etwas, zu dem alle beitragen können und in der nicht Perfektion den Ausschlag zum Gelingen gibt, sondern die aufrichtige Intention.

Dazu habe ich zwei Bücher geschrieben: „Konsenskultur“ und „Sex, aber richtig?“; siehe auch unter Bücher.

Artikel von mir dazu aus dem Auswege-Magazin: https://www.magazin-auswege.de/data/2018/02/Kern_Konsenskultur.pdf,

Mehr zu Konsens in der sexuellen Bildungsarbeit: https://www.magazin-auswege.de/data/2019/03/Kern_Lust_in_Praeventionsarbeit.pdf